Die Scham, über Sex zu sprechen, ist meistens erlernt. Viele haben als Kind erfahren, dass man darüber schweigt, und dieses Schweigen begleitet sie bis heute. Was gelernt wurde, kann sich verändern. Oft beginnt es mit einem einzigen Satz und dem Gespräch danach, in dem Sie merken, dass andere ganz ähnliche Fragen haben.
Sex gilt vielen noch immer als schmutzig oder unanständig. Wer offen darüber redet, wird schnell als „schlampig“ oder „notgeil“ abgestempelt. Sex findet hinter verschlossenen Türen statt, so die Vorstellung, und darüber spricht man besser nicht.
Scham beim Sex: ein erlerntes Tabu
Schon als Kinder lernen viele, dass über Sexualität geschwiegen wird. Zeigt ein Kind erste sexuelle Regungen oder stellt Fragen, reagieren Erwachsene oft verlegen oder mit einem ablehnenden Blick. Das Kind merkt sich: Sex ist verboten oder peinlich.
Dieses Gefühl bleibt, oft bis ins Erwachsenenalter. Wer über eigene Wünsche und Unsicherheiten nicht sprechen kann, sucht Antworten woanders, häufig auf Pornoseiten. Dort ist Sex für die Kamera inszeniert. Das kann die Unsicherheit noch verstärken.
Was das Schweigen kostet
Wer nie gelernt hat, über die eigene Sexualität zu sprechen, kann Bedürfnisse schwer benennen. Grenzen zu setzen fällt ebenso schwer. In Partnerschaften entstehen daraus Missverständnisse und Frust, über die dann wieder niemand redet.
Wer über Sex spricht, merkt bald: Die anderen haben ähnliche Fragen.
Dafür braucht es Mut, eine Frage zu stellen oder eine Unsicherheit auszusprechen. Wer es tut, erlebt oft, dass das Gegenüber erleichtert ist. Mit jedem solchen Gespräch kann die Scham ein Stück kleiner werden. Wie Sie beim Sex selbst sagen oder zeigen, was Sie mögen, beschreibe ich unter Kommunikation beim Sex.

Wie Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin über Sex sprechen
Ein Gespräch über Sex muss nicht groß beginnen. Oft reicht ein Satz.
Suchen Sie sich einen ruhigen Moment, nicht direkt im Bett und nicht mitten im Streit. Das kann ein Spaziergang sein oder ein Abend, an dem nichts mehr ansteht. Manchen fällt es leichter, nebeneinander zu reden statt sich gegenüber.
Fangen Sie bei sich an: „Mir fällt es schwer, darüber zu reden, aber ich möchte es.“ So ein Satz zeigt die Scham, statt sie zu verstecken. Er lädt Ihr Gegenüber ein, ohne es in die Ecke zu drängen. Ein „Du machst nie …“ klingt dagegen nach Vorwurf, auch wenn ein Wunsch dahintersteht.
Beginnen Sie mit etwas Kleinem. Was Ihnen gefällt, ist leichter zu sagen als das, was Ihnen fehlt. Die schwierigeren Themen können später kommen. Wenn Ihnen die Worte fehlen, nehmen Sie eine Frage aus meinem Fragenkatalog für Paare.
Wenn Ihr Gegenüber nicht reden möchte
Reagiert Ihr Gegenüber abwehrend oder mit einem Witz, ist das Gespräch nicht gescheitert. Vielleicht kennt die andere Person dieselbe Scham. Sagen Sie, dass Sie das Thema gern wieder aufgreifen möchten, und lassen Sie es für heute gut sein.
Sexualtherapie als Ort zum Sprechen
Vielleicht ist das Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin, mit Freunden oder Familie im Moment zu schwer. Dann kann eine Sexualtherapie ein Ort dafür sein. Dort dürfen Sie über alles Intime sprechen, ohne bewertet zu werden.
Gemeinsam schauen wir, woher Ihre Scham- und Schuldgefühle kommen, und suchen Worte für das, was Sie sich wünschen. Dabei lernen Sie auch Ihren Körper besser kennen. Wie viel Sie erzählen, bestimmen Sie. Als Paar geht das auch in der Paartherapie.
Sie können auch kleiner anfangen. Schreiben Sie für sich auf, worüber Sie gern einmal sprechen würden. Ob und wem Sie den Zettel zeigen, entscheiden Sie später.
Ein Ort, an dem Sie offen sprechen können.
Ohne Bewertung, in Ihrem Tempo: Schreiben Sie mir, wenn Sie über Sexualität sprechen möchten.

