Auch Männer haben Phasen, in denen sie keine Lust auf Sex haben. Libidoverlust beim Mann ist häufiger, als das Klischee glauben lässt, und er sagt nichts über Ihre Männlichkeit. Körper, Stress, Stimmung und Beziehung wirken dabei zusammen: Manches gehört ärztlich abgeklärt, anderes lässt sich gemeinsam anschauen.
Das Klischee vom Mann, der immer will
Männer wollen immer, Frauen müssen überredet werden. Dieses Bild ist alt und hält sich hartnäckig, in Filmen, in Witzen, in Gesprächen unter Freunden. Wer als Mann nicht hineinpasst, schweigt meist.
Viele Männer, die zu mir kommen, haben sich lange gefragt, was mit ihnen nicht stimmt. Manche haben weiter Sex gehabt, ohne ihn zu wollen, damit es nicht auffällt. Andere haben sich hinter Arbeit, Sport oder Müdigkeit versteckt. Fast alle schämen sich. Die Scham macht es schwer, darüber zu reden, auch mit der Person, die am meisten davon betroffen ist.
Dabei ist unterschiedliches Interesse an Sex in Beziehungen ein Thema, das Männer genauso nennen wie Frauen. Das zeigt zum Beispiel eine Broschüre von pro familia. Wer weniger Lust hat, ist nicht automatisch die Frau.
Mögliche Gründe
Selten gibt es nur einen Grund. Meist kommen mehrere Dinge zusammen, und sie verstärken sich.
Im Körper
Hormone, Medikamente und Erkrankungen können die Lust dämpfen. Ein niedriger Testosteronspiegel ist eine mögliche Ursache, aber längst nicht die einzige. Auch Blutdruckmittel, manche Antidepressiva, Schlafmangel und viel Alkohol können sich auf das Verlangen auswirken. Ob davon etwas bei Ihnen zutrifft, lässt sich nur ärztlich klären. Mehr dazu weiter unten.
Stress, Erschöpfung und Stimmung
Ein Job, der keine Pause kennt. Kleine Kinder, die nachts wach sind. Geldsorgen. In solchen Phasen ist der Körper auf Durchhalten eingestellt. Für Lust braucht es einen Zustand, in dem Sie loslassen und Ihren Körper spüren können. Der fehlt dann oft.
Auch eine gedrückte Stimmung nimmt Lust. Wenn Sie sich seit Wochen leer, antriebslos oder niedergeschlagen fühlen, nehmen Sie das bitte ernst. Darauf gehe ich im Abschnitt zur ärztlichen Abklärung ein.
Druck und Erwartung
Manchmal ist Sex zu einer Prüfung geworden. Klappt die Erektion? Halte ich lange genug durch? Ist sie oder er zufrieden? Wer beim Sex vor allem darauf achtet, gut abzuschneiden, spürt wenig Genuss. Auf Dauer zieht sich die Lust zurück, weil Sex sich mehr nach Leistung als nach Begegnung anfühlt.
Oft hängen Unlust und Sorgen um die Erektion eng zusammen. Wenn Sie Lust haben, aber die Erektion nachlässt, lesen Sie wenn die Erektion nachlässt.
In der Beziehung
Ärger, der nie ausgesprochen wurde. Das Gefühl, nur noch als Versorger oder Vater gebraucht zu werden. Sex, der seit Jahren gleich abläuft. Manchmal kollidieren auch Fürsorge und Begehren: Wer die Partnerin vor allem als Mutter der gemeinsamen Kinder erlebt, findet schwer den Weg zu ihr als Frau, die er begehrt.
Es gibt auch eine stillere Form. Manche Männer erleben ihre Partnerin oder ihren Partner als so wichtig, dass sie sich nicht trauen, mit ihren Wünschen sichtbar zu werden. Die Angst, abgelehnt zu werden oder den anderen zu verlieren, ist dann größer als das Begehren. Wenig Lust ist in diesem Fall kein Zeichen von Gleichgültigkeit, eher im Gegenteil. Mehr zur Dynamik im Paar lesen Sie in Keine Lust auf Sex in der Beziehung.
Auch junge Männer
Libidoverlust ist keine Frage des Alters. Auch Männer mit Anfang zwanzig erleben Phasen ohne Lust, etwa unter Prüfungsdruck, in einer neuen Beziehung, nach einer Trennung oder wenn sie unsicher sind, was sie überhaupt wollen. Gerade junge Männer stehen oft unter dem Druck, besonders viel Lust haben zu müssen. Dass es anders ist, verunsichert sie entsprechend.
Manche Menschen empfinden wenig oder keine sexuelle Anziehung und leiden nicht darunter. Für sie gibt es den Begriff Asexualität. Das ist eine Orientierung, keine Beschwerde. Mehr dazu unter Asexualität.
Ärztlich abklären, wenn sich etwas verändert
Ist Ihre Lust plötzlich verschwunden, kommen andere Beschwerden dazu oder hat es mit einem neuen Medikament angefangen? Dann gehen Sie bitte zuerst in eine hausärztliche oder urologische Praxis. Dort lassen sich zum Beispiel Hormone und mögliche Nebenwirkungen prüfen. Setzen Sie Medikamente nicht eigenmächtig ab.
Fühlen Sie sich seit Wochen niedergeschlagen, ist ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe der richtige Weg. Diese Kosten trägt in der Regel die Krankenkasse. Sind Sie in einer akuten Krise, wenden Sie sich bitte sofort an den Berliner Krisendienst.

Wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin mehr Lust hat
Dieser Abschnitt ist auch für die andere Seite. Wenn Ihr Partner keine Lust hat, liegt die Frage nah: Liegt es an mir? Begehrt er mich nicht mehr? Hat er jemand anderen?
Weniger Lust ist kein Liebesentzug. Die Gründe liegen oft in seinem Körper, seinem Alltag oder in Ängsten, über die er selbst schwer sprechen kann. Das heißt nicht, dass Ihre Kränkung unberechtigt ist. Es ist verletzend, immer wieder abgewiesen zu werden.
Schwierig wird es, wenn sich ein Muster einspielt. Die eine Person fragt, wirbt, drängt irgendwann. Die andere weicht aus, wird vorsichtig mit Zärtlichkeit, weil sie zu mehr führen könnte. Je mehr die eine will, desto weniger will die andere. Beide wollen das Problem lösen und halten es dadurch am Laufen. Mehr dazu lesen Sie unter Ungleiches Verlangen.
Was helfen kann
Ein paar Schritte, die ohne Leistungsziel auskommen. Keiner davon verspricht ein Ergebnis. Sie verändern aber oft die Stimmung, in der Sie über Sex nachdenken.
Nehmen Sie den Druck heraus. Vereinbaren Sie Zeiten für Nähe, in denen Sex ausdrücklich nicht vorgesehen ist. Viele Männer merken erst dann, wie sehr jede Umarmung mit einer Erwartung belegt war.
Reden Sie über Begehren statt über Häufigkeit. „Wir haben seit Wochen keinen Sex“ führt meist in Rechtfertigung. „Was hat dich früher an mir angezogen, und was zieht dich heute an?“ öffnet ein anderes Gespräch. Wie Sie die Scham dabei überwinden, beschreibe ich in Die Scham, über Sex zu sprechen.
Fragen Sie sich, wofür Sie Sex haben. Aus Lust, aus Pflicht, zur Bestätigung, um Streit zu vermeiden? Wer vor allem aus Pflicht Sex hat, verliert die Lust darauf verständlicherweise. Und schauen Sie, wo Ihre Lust geblieben ist. Taucht sie in Fantasien auf, bei Selbstbefriedigung, beim Anblick anderer? Dann ist sie nicht verschwunden, sondern hat sich aus der Beziehung zurückgezogen. Das ist eine andere Frage als „Ich habe gar keine Lust mehr“.
Nahrungsergänzungsmittel oder Präparate, die Lust versprechen, bewerte ich nicht. Wenn Sie so etwas erwägen, besprechen Sie es bitte ärztlich.
Was in der Sexualtherapie passiert
In einer Sexualtherapie versuche ich nicht, Ihre Lust zurückzuholen. Ich gehe davon aus, dass sie aus einem guten Grund leiser geworden ist. Wir schauen gemeinsam, wann sie da war, wohin sie sich zurückgezogen hat und was sie heute bräuchte. Dabei geht es um Ihre Geschichte, um Rollenbilder, die Sie mitbringen, und um die Beziehung.
Ich arbeite auch mit dem Körper. Lust fängt im Körper an, sie lässt sich nicht im Kopf beschließen. Wir achten darauf, wie Sie atmen, wo Sie Spannung halten und was Sie spüren, wenn es um Sex geht. In der Sexualtherapie berühre ich Sie nicht, die Kleidung bleibt an. Wer mag, bekommt Übungen für zu Hause.
Sie können allein kommen oder als Paar. Kommen Sie zu zweit, ist das Gespräch eher eine Paartherapie, in der wir auf das Muster zwischen Ihnen schauen. Die Kosten tragen Sie in der Regel selbst.
Der nächste Schritt
Ich arbeite in Neukölln, in Prenzlauer Berg und online, auf Deutsch und Englisch. Sie können auch allein kommen, wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin noch nicht so weit ist. Schreiben Sie mir zwei, drei Sätze, mehr braucht es für den Anfang nicht.
Über Lust reden, ohne funktionieren zu müssen.
Schreiben Sie mir für ein Erstgespräch, allein oder als Paar. Ich antworte mit einem Terminvorschlag.
Quellen
- Österreichisches Gesundheitsportal: Libidoverlust: Diagnose und Therapie
- pro familia (2016): Lustwandel (PDF)

