Keine Lust auf Sex zu haben, kommt in fast jeder längeren Beziehung irgendwann vor. Es sagt nichts darüber, ob mit Ihnen oder mit Ihrer Beziehung etwas nicht stimmt. Meist ist die Unlust ein Signal, und es lohnt sich, hinzuhören, was sie sagt.
Wann Unlust zum Thema wird
Lust schwankt. Sie hängt an Schlaf, Arbeit, Kindern, Jahreszeit, an der Stimmung zwischen zwei Menschen. Eine feste Zahl, ab der etwas „zu wenig“ ist, gibt es nicht. Wie oft andere Paare Sex haben, hilft Ihnen deshalb kaum weiter.
Zum Thema wird Unlust, wenn jemand darunter leidet. Das kann die Person sein, die keine Lust hat und sich schuldig fühlt. Oder die Person, die sich zurückgewiesen fühlt. Oft sind es beide, jede auf ihre Weise. Viele leiden dabei weniger an der fehlenden Lust selbst als an dem schlechten Gewissen, weil der Partner oder die Partnerin enttäuscht ist.
Was hinter der Unlust stecken kann
Selten gibt es nur einen Grund. Körper, Alltag, Beziehung und die Art, wie Sie Sex haben, greifen ineinander. Ich gehe davon aus, dass der Körper sich aus gutem Grund für die Unlust entscheidet. Die Frage ist, welcher Grund das bei Ihnen ist.
Stress und ein Körper in Alarmbereitschaft
Sex braucht einen Zustand, in dem Sie entspannt genug sind, um Ihren Körper zu spüren. Wer den ganzen Tag funktioniert, abends noch Mails beantwortet und nachts schlecht schläft, hat dafür wenig übrig. Der Körper ist dann auf Bewältigung eingestellt. Erregung hat darin kaum Platz. Mehr dazu im Artikel was Stress mit Lust zu tun hat.
Gewohnheit und Sex aus Pflicht
Manchmal ist es keine Unlust auf Sex überhaupt, sondern auf diesen Sex. Er läuft seit Jahren gleich ab, im selben Tempo, mit demselben Ende. Oder er findet statt, „damit Ruhe ist“. Wer immer wieder Sex hat, den er eigentlich nicht will, lernt, ihm auszuweichen. Das ist folgerichtig.
Konflikte und Kränkungen
Ärger, der nicht ausgesprochen wird, landet oft im Bett. Eine Kränkung, über die nie geredet wurde. Das Gefühl, im Alltag allein gelassen zu sein. Ein Nein zu Sex kann dann heißen: nicht, solange das zwischen uns steht. Es ist selten ein Nein zur Beziehung.
Körperliche Gründe und Medikamente
Auch Hormone, Erkrankungen und Medikamente können die Lust dämpfen, zum Beispiel manche Antidepressiva oder hormonelle Verhütung. Darauf gehe ich weiter unten ein. Was speziell bei Frauen und bei Männern dazukommt, beschreibe ich in eigenen Artikeln: Libidoverlust bei Frauen und keine Lust als Mann.
Lebensphasen
Nach einer Geburt verändert sich der Körper, der Schlaf, die Beziehung. Darüber schreibe ich in Sex nach der Geburt. Ein unerfüllter Kinderwunsch kann Sex in eine Aufgabe verwandeln. Wechseljahre, Krankheit oder ein Todesfall verschieben, was gerade Kraft hat. In solchen Zeiten tritt die Lust oft zurück. Das ist kein Versagen.
Spontane und reaktive Lust
Viele Menschen glauben, Lust müsse aus dem Nichts kommen: ein Gedanke, ein Kribbeln, und dann will man. Diese spontane Lust gibt es. Sie ist am Anfang einer Beziehung häufig, wenn alles neu ist.
Daneben gibt es reaktive Lust. Sie entsteht erst, wenn Nähe und Berührung schon begonnen haben. Die kanadische Sexualmedizinerin Rosemary Basson hat dieses Modell beschrieben. Wer so funktioniert, hat vorher oft keinen Impuls zu Sex. Sobald aber Berührung da ist und sich gut anfühlt, kommt auch die Lust.
Für viele ist das eine Entlastung. Wenn Sie nie „einfach so“ Lust haben, heißt das nicht, dass Ihnen etwas fehlt. Es heißt vielleicht, dass Ihre Lust einen anderen Einstieg braucht. Schwierig wird es, wenn jede Berührung schon als Aufforderung zu Sex gelesen wird. Dann fällt genau der Einstieg weg, den reaktive Lust bräuchte.
Wenn eine Person mehr will als die andere
In fast jeder längeren Beziehung wollen zwei Menschen nicht gleich oft Sex. Das allein ist kein Problem. Schwierig wird das Muster, das daraus entstehen kann: Die eine Person fragt, wirbt, drängt. Die andere weicht aus, zieht sich zurück. Je mehr die eine will, desto weniger will die andere. Beide wollen das Problem lösen und halten es gerade dadurch am Laufen.
Manche Paare überlegen an diesem Punkt, die Beziehung zu öffnen. Das kann für manche ein stimmiger Weg sein, für andere nicht. Er ändert wenig daran, dass das Muster zwischen Ihnen beiden bleibt, solange Sie es nicht anschauen. Mehr zu dieser Dynamik lesen Sie unter Ungleiches Verlangen.
Aus Sicht der Person mit weniger Lust
Sie spüren Druck, auch wenn niemand etwas sagt. Sie fühlen sich schuldig. Vielleicht weichen Sie jeder Zärtlichkeit aus, weil sie zu mehr führen könnte. Sie gehen später ins Bett, sind beschäftigt, haben Kopfschmerzen. Manche sagen Ja, obwohl sie Nein meinen, aus Angst, den anderen zu verlieren. Ein solches Ja übergeht die eigenen Grenzen, und die Lust zieht sich danach meist noch weiter zurück.
Aus Sicht der Person mit mehr Lust
Sie fühlen sich abgewiesen, irgendwann nicht mehr begehrt. Sie fragen sich, ob es an Ihnen liegt, an Ihrem Körper, an Ihrer Art. Manche werfen dem anderen Kälte vor. Andere hören auf zu fragen und ziehen sich ebenfalls zurück. Dann ist Ruhe, aber eine traurige.
Wer weniger will, bestimmt in solchen Mustern meist, ob Sex stattfindet. Das fühlt sich für beide nicht gut an. Und es zeigt, dass es um mehr geht als um Häufigkeit: um Angst vor Zurückweisung, um Selbstwert, um die Frage, wie frei sich jemand in dieser Beziehung fühlt.

Was der Körper damit zu tun hat
Lust ist nicht nur eine Frage des Kopfes. Sie hängt auch daran, wie jemand Erregung im Körper aufbaut. Im Sexocorporel, einem körperorientierten Ansatz der klinischen Sexologie, schaut man dafür auf Atmung, Bewegung und Muskelspannung.
Viele halten beim Sex unbemerkt die Luft an. Sie spannen Bauch und Becken an oder bleiben fast regungslos. So lässt sich Erregung kaum spüren, und was man nicht spürt, macht auch keine Lust auf mehr. Wie jemand atmet und sich bewegt, ist gelernt. Es lässt sich deshalb auch anders ausprobieren.
Was Sie selbst ausprobieren können
Ein paar Schritte, die ohne Leistungsziel auskommen. Nicht alle passen für jedes Paar.
Ein Gespräch anfangen
Sprechen Sie über Sex, aber nicht im Bett und nicht direkt nach einer Zurückweisung. Ein Spaziergang eignet sich oft besser als das Sofa. Sprechen Sie von sich: „Ich vermisse dich“ statt „Du willst ja nie“. Oder: „Ich merke, dass ich ausweiche, und ich weiß selbst nicht genau, warum.“ Das erste Gespräch muss nichts lösen. Es reicht, dass beide sagen dürfen, wie es ihnen geht. Mehr dazu unter über Bedürfnisse sprechen.
Eine Frage, die ich in der Arbeit mit Paaren oft stelle: Warum haben Sie eigentlich Sex? Für Nähe, für Bestätigung, zur Versöhnung, aus Hingabe? Hinter jedem dieser Gründe kann auch ein Grund für Unlust stecken. Wer Sex vor allem zur Versöhnung hat, verliert die Lust vielleicht, wenn die Konflikte nie ganz geklärt werden.
Berührung ohne Ziel
Verabreden Sie Zeiten für Berührung, bei denen Sex ausdrücklich nicht vorgesehen ist. Das klingt unromantisch. Für viele nimmt es genau den Druck heraus, der jede Zärtlichkeit belastet hat. Die Sexualforscher Masters und Johnson haben solche Übungen unter dem Namen Sensate Focus beschrieben. Eine Anleitung finden Sie in Berühren ohne Ziel, mehr Hintergrund in Sex langsamer angehen.
Die eigene Lust kennenlernen
Lust gehört nicht nur in die Beziehung. Was mögen Sie, wenn Sie allein sind? Welche Fantasien tauchen auf? Wann haben Sie sich zuletzt in Ihrem Körper wohlgefühlt? Wer die eigene Lust kennt, kann sie auch zu zweit leichter einbringen.
Wenn wenig Lust kein Problem ist
Manche Menschen empfinden wenig oder keine sexuelle Anziehung zu anderen und leiden nicht darunter. Für sie gibt es den Begriff Asexualität. Das ist eine Orientierung, kein Mangel. Schwierig kann es werden, wenn zwei Menschen in einer Beziehung dabei sehr verschieden sind. Mehr dazu unter Asexualität.
Wann ärztliche Abklärung und wann Begleitung sinnvoll sein kann
Hat sich Ihre Lust plötzlich verändert, nehmen Sie neue Medikamente oder tut Sex weh, lassen Sie das bitte ärztlich abklären. Das gilt auch bei hormonellen Veränderungen, etwa nach einer Geburt oder in den Wechseljahren. Eine Sexualtherapie kann parallel dazu laufen.
Begleitung kann sinnvoll sein, wenn Gespräche über Sex immer gleich enden, im Streit oder im Schweigen. Oder wenn Sie allein nicht herausfinden, wofür Ihre Unlust steht. In einer Sexualtherapie versuche ich nicht, die Unlust wegzubekommen. Wir schauen gemeinsam, was sie schützt. Wann war Lust da, und was war damals anders? Was bräuchten Sie, damit Begehren Platz hat? Neben dem Gespräch beziehe ich den Körper ein, mit Atmung, Bewegung und kleinen Wahrnehmungsübungen. Die Kleidung bleibt dabei an. Kommen Sie als Paar, geht es auch um die Dynamik zwischen Ihnen, wie in einer Paartherapie.
Sie können allein kommen oder zu zweit. Die Kosten tragen Sie in der Regel selbst.
Wie Sie anfangen können
Ich arbeite in Neukölln an der Karl-Marx-Straße, in Prenzlauer Berg Am Friedrichshain und online, auf Deutsch und Englisch. Schreiben Sie mir ein paar Sätze, wenn Sie mögen. Mehr zum Angebot finden Sie unter Sexualtherapie bei Unlust.
Unlust verstehen, allein oder zu zweit.
Schreiben Sie mir für ein Erstgespräch. Ich antworte mit einem Terminvorschlag.
Quellen
- Basson, R. (2000): The female sexual response: a different model. Journal of Sex & Marital Therapy 26 (1), 51–65. PubMed
- Österreichisches Gesundheitsportal: Libidoverlust: Diagnose und Therapie

