Wenn die Lust als Frau leiser wird, hat das fast immer mehrere Gründe. Sie liegen im Körper, im Alltag, in der Beziehung und in der Art, wie Sie Sex erleben. Mit Ihnen ist deshalb nichts falsch, und es gibt Wege, genauer hinzuschauen.
Lust ist kein Schalter
Lust verändert sich. Über den Zyklus, über Lebensphasen, über die Jahre einer Beziehung. Es gibt Monate, in denen Sie kaum an Sex denken, und andere, in denen er Ihnen fehlt. Ein „normales“ Maß gibt es nicht.
Von Libidoverlust spricht man, wenn die Lust über längere Zeit kaum noch auftaucht und Sie selbst darunter leiden. Der Leidensdruck ist der Maßstab, nicht die Häufigkeit. Manche Frauen vermissen ihre Lust. Andere leiden vor allem daran, dass der Partner oder die Partnerin enttäuscht ist, und haben ein schlechtes Gewissen. Beides ist ernst zu nehmen.
Das Wort „Frigidität“ hat in diesem Zusammenhang lange abgewertet. Es wird heute zu Recht nicht mehr verwendet.
Spontane und reaktive Lust
Viele Frauen erzählen mir, dass sie „nie einfach so“ Lust haben. Sie denken den ganzen Tag nicht an Sex. Wenn es dann aber zu Berührung kommt und sie sich darauf einlassen, merken sie: Es gefällt mir ja doch.
Diese Form nennt man reaktive Lust. Die kanadische Sexualmedizinerin Rosemary Basson hat beschrieben, dass bei vielen Frauen das Verlangen nicht am Anfang steht, sondern erst entsteht, wenn Nähe und Erregung schon begonnen haben. Spontane Lust, die aus dem Nichts kommt, ist nur eine Form von Lust, und keine bessere.
Das verändert die Frage. Statt „Warum will ich nicht?“ heißt sie dann: „Was brauche ich, damit ich mich auf Berührung einlassen mag?“ Und auch: „Was hält mich davon ab?“
Häufige Einflüsse
Selten ist es nur eine Ursache. Meist kommen mehrere Dinge zusammen, und sie verstärken sich gegenseitig.
Hormone: Pille, Zyklus, Stillzeit, Wechseljahre
Hormone können die Lust beeinflussen. Manche Frauen merken, dass sich ihre Lust mit einer hormonellen Verhütung verändert hat. In der Stillzeit ist das Hormon Prolaktin erhöht, das die Lust dämpfen kann. In den Jahren vor und während der Wechseljahre verschiebt sich der Hormonhaushalt, die Schleimhaut kann trockener werden, Sex sich anders anfühlen. Ob Hormone bei Ihnen mitwirken, kann die Frauenärztin klären. Mehr zur Zeit nach der Geburt lesen Sie unter Sex nach der Geburt.
Körperliche Ursachen und Medikamente
Auch eine Schilddrüsenerkrankung, chronische Erkrankungen oder Medikamente können die Lust verändern, zum Beispiel manche Antidepressiva. Eine gedrückte Stimmung über Wochen kann ebenfalls die Lust nehmen. Was dann wichtig ist, steht weiter unten im Abschnitt zur ärztlichen Abklärung.
Stress, Erschöpfung und Mental Load
Viele Frauen tragen neben der Arbeit den Großteil der Organisation im Alltag: Termine, Kinder, Einkauf, Geburtstage. Dafür gibt es das Wort Mental Load. Ein Kopf voller offener Aufgaben und ein Körper, der ständig auf Abruf steht, lassen wenig Platz für Erregung. Sex braucht einen Zustand, in dem Sie loslassen und spüren können. Mehr dazu unter was Stress mit Lust zu tun hat.
Die Autorin Emily Nagoski beschreibt, wie stark Lust vom Kontext abhängt, also von allem, was um den Sex herum passiert. Der Großteil davon hat mit Sex gar nichts zu tun.
Schmerzen und Vermeidung
Wenn Sex wehtut, lernt der Körper, ihn zu meiden. Das ist ein Schutz. Viele Frauen gehen über Schmerzen hinweg, weil sie gefallen wollen oder den anderen nicht enttäuschen möchten. Der Körper merkt sich trotzdem, dass Sex unangenehm ist, und die Lust zieht sich zurück. Lesen Sie dazu wenn Sex wehtut.
Beziehung und Selbstbild
Ärger, der nicht gesagt wird. Sex, den Sie haben, damit Ruhe ist. Ein Partner oder eine Partnerin, der oder die beim Sex innerlich woanders zu sein scheint. All das dämpft das Begehren.
Dazu kommt das Verhältnis zum eigenen Körper. Wer den eigenen Bauch, die Oberschenkel, die Vulva ständig kritisch betrachtet, steht unter Stress. In einem Körper, an dem man dauernd etwas auszusetzen hat, lässt sich schwer Lust empfinden. Wie Lust in einer Beziehung als Ganzes verloren gehen kann, beschreibe ich in Keine Lust auf Sex in der Beziehung.
Wie Sie Erregung erleben, prägt Ihre Lust
Erregung ist auch etwas Körperliches, und es ist gelernt. Im Sexocorporel, einem körperorientierten Ansatz der klinischen Sexologie, schaut man darauf, wie jemand Erregung aufbaut: mit welcher Atmung, mit wie viel Bewegung, mit wie viel Muskelspannung.
Viele Frauen haben Erregung in einem engen, angespannten Modus kennengelernt. Sie halten den Atem an, spannen Beckenboden und Oberschenkel an, bewegen sich kaum. So kann Erregung zwar ansteigen, auch bis zum Orgasmus. Sie bleibt aber oft schmal, eher Druck als Genuss. Wer Sex so erlebt, hat auf Dauer verständlicherweise wenig Lust darauf.
Das ist kein Fehler, sondern eine Gewohnheit. Und Gewohnheiten lassen sich erkunden. Wie fühlt es sich an, beim Erregtwerden tiefer zu atmen? Das Becken zu bewegen, statt es festzuhalten? Langsamer zu werden? In meiner Arbeit nutze ich dafür Atmung, Bewegung, Stimme und Körperimpulse.

Was Sie selbst ausprobieren können
Nehmen Sie den Druck heraus, die Lust zurückholen zu müssen. Werden Sie lieber neugierig, wie Ihr Körper gerade funktioniert.
Sich selbst spüren
Legen Sie sich ein paar Minuten hin und atmen Sie bis in den Bauch und ins Becken. Wo spüren Sie etwas, wo nichts? Berühren Sie sich selbst, ohne dass etwas daraus werden muss: Arme, Bauch, Innenseite der Oberschenkel, Vulva. Was ist angenehm, was nicht? Anregungen dazu finden Sie unter den eigenen Körper spüren.
Wenn Sie sich bei Selbstberührung unter Druck setzen, zum Orgasmus zu kommen, lesen Sie Ich mache mir Druck, zum Orgasmus zu kommen.
Lust nicht erzwingen
Haben Sie keinen Sex, den Sie nicht wollen. Das klingt selbstverständlich, ist es in vielen Beziehungen aber nicht. Jedes Mal, wenn Sie über ein inneres Nein hinweggehen, lernt Ihr Körper, dass Sex etwas ist, das man aushalten muss.
Vereinbaren Sie stattdessen Zärtlichkeit, die nicht zu Sex führen muss. Kuscheln, das einfach Kuscheln bleiben darf. Für viele Frauen ist das der erste Moment seit langer Zeit, in dem sie Berührung genießen können, ohne innerlich schon auszuweichen.
Was Lustmittel versprechen
Im Internet werden pflanzliche Präparate und „Lustpillen“ für Frauen angeboten. Ob ein Mittel für Sie infrage kommt, besprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder in der Apotheke. Ich empfehle keine Präparate. Meine Erfahrung ist, dass die Fragen dahinter selten mit einer Tablette beantwortet sind: Was brauche ich? Was will ich nicht mehr?
Mit Partner oder Partnerin darüber sprechen
Viele Frauen schweigen lange. Aus Scham, aus Angst, den anderen zu verletzen, oder weil sie selbst nicht wissen, was los ist. Das Schweigen macht es für beide schwerer. Der andere deutet die Zurückhaltung oft als Ablehnung.
Suchen Sie sich einen ruhigen Moment, nicht im Bett. Sprechen Sie von sich: „Ich habe gerade wenig Lust, und das hat nichts damit zu tun, dass ich dich nicht liebe.“ Oder: „Ich möchte herausfinden, was mir guttut, und brauche dafür Zeit ohne Erwartung.“ Weniger Lust heißt nicht weniger Liebe. Für viele Partner und Partnerinnen ist es eine Erleichterung, das zu hören.
Wann ärztliche Abklärung wichtig ist
Hat sich Ihre Lust plötzlich verändert, tut Sex weh, nehmen Sie neue Medikamente oder hat sich Ihr Zyklus verändert, gehen Sie bitte zuerst zur Frauenärztin oder zur Hausärztin. Setzen Sie Medikamente nicht eigenmächtig ab, sondern sprechen Sie mit Ihrer Ärztin darüber. Fühlen Sie sich seit Wochen niedergeschlagen und antriebslos, ist ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe der richtige Weg. Diese Kosten trägt in der Regel die Krankenkasse.
Wann Begleitung sinnvoll sein kann
Wenn körperlich alles abgeklärt ist und Sie verstehen möchten, was Ihre Lust bremst, kann eine Sexualtherapie ein Weg sein. Ich arbeite nicht daran, Ihre Unlust wegzubekommen. Ich gehe davon aus, dass sie einen guten Grund hat. Den suchen wir gemeinsam: im Gespräch über Ihre Geschichte, Ihre Beziehung und Ihre Wünsche, und über den Körper. Wir achten darauf, wie Sie atmen, wo Sie Spannung halten, was Sie spüren. Ich berühre Sie in der Sexualtherapie nicht, die Kleidung bleibt an. Wer mag, bekommt Übungen für zu Hause.
Sie können allein kommen oder mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin. Mehr über die Arbeit mit dem Körper lesen Sie unter Körpertherapie. Die Kosten tragen Sie in der Regel selbst.
Ein erster Schritt
Ich arbeite in Neukölln, in Prenzlauer Berg und online, auf Deutsch und Englisch. Schreiben Sie mir ein paar Sätze, auch wenn Sie noch nicht genau wissen, was Sie suchen.
Ihre Lust verstehen.
Schreiben Sie mir für ein Erstgespräch. Ich antworte mit einem Terminvorschlag.
Quellen
- Basson, R. (2000): The female sexual response: a different model. Journal of Sex & Marital Therapy 26 (1), 51–65. PubMed
- Nagoski, E.: Komm, wie du willst.
- Österreichisches Gesundheitsportal: Libidoverlust: Diagnose und Therapie
- familienplanung.de: Sex nach der Geburt

