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Wer beim Sex früher kommt, als er möchte, ist damit nicht allein. Meist beschleunigen Anspannung und Druck die Erregung, oft ohne dass man es merkt. Genau dort lässt sich ansetzen: die eigene Erregung genauer wahrzunehmen, allein und als Paar.

Was „zu früh“ eigentlich heißt

Medizinisch spricht man von vorzeitigem Samenerguss, wenn er fast immer innerhalb von etwa einer Minute nach dem Eindringen kommt, seit mindestens sechs Monaten, und wenn Sie darunter leiden. Der Fachbegriff dafür ist Ejaculatio praecox. Zum Vergleich: Im Durchschnitt dauert es nach dem Eindringen etwa fünf bis sieben Minuten bis zum Samenerguss. Regelmäßig betroffen sind nach Angaben des Gesundheitsportals des Bundes rund vier Prozent der Männer.

Viele, die sich Sorgen machen, liegen also gar nicht im medizinischen Bereich. Das heißt nicht, dass ihr Anliegen unwichtig ist. Entscheidend ist, ob es Sie oder Sie beide belastet. Wer jedes Mal mit der inneren Stoppuhr im Bett liegt, hat wenig vom Sex, egal wie viele Minuten es am Ende sind.

Übrigens sind Samenerguss und Orgasmus nicht dasselbe. Meist kommen sie zusammen, aber sie lassen sich unterscheiden. Für manche ist das schon eine neue Information über den eigenen Körper.

Seit jeher oder erst seit einer Weile

Manche Männer kennen es, seit sie Sex haben. Andere hatten lange keine Schwierigkeiten, und irgendwann fing es an, etwa in einer neuen Beziehung, in einer stressigen Phase oder nachdem die Erektion einmal unsicher war. Für die ärztliche Abklärung ist dieser Unterschied wichtig. Wenn es neu ist, lohnt sich ein genauerer Blick auf mögliche körperliche Ursachen.

Woher es kommen kann

Eine einzelne Ursache kennt die Forschung nicht. Die Empfindlichkeit des Penis, körperliche Faktoren und die Psyche wirken zusammen. Was ich in der Praxis fast immer sehe: Druck macht es nicht besser.

Der Kreislauf aus Druck und Anspannung

Wer Angst hat, zu früh zu kommen, spannt an. Bauch, Po, Beckenboden, Oberschenkel werden fest, der Atem wird flach oder stockt. Oft wird es auch schneller, weil man „es noch schaffen“ will. Genau das treibt die Erregung nach oben. Wer stark anspannt und schnell und gleichförmig stimuliert wird, kommt in der Regel früher. Und wer einmal zu früh gekommen ist, geht mit noch mehr Anspannung ins nächste Mal.

So wird aus einer Erfahrung ein Muster. Manche fangen an, Sex zu vermeiden. Manche wenden sich ab, sobald es vorbei ist, weil sie sich schämen. Für die andere Person sieht das oft wie Desinteresse aus.

Hinter dem frühen Kommen kann auch etwas stehen, das sich in Worten schwer sagen lässt. Unsicherheit, ob man genügt. Ein Zwiespalt zwischen Nähe wollen und Nähe fürchten. Solche Fragen können im Gespräch Platz haben, ohne dass sie bei jedem eine Rolle für den Samenerguss haben müssen.

Wenn auch die Erektion unsicher ist

Manchmal kommen beide Themen zusammen: Die Erektion ist unsicher, und um sie nicht zu verlieren, beeilt man sich. Dann ist es sinnvoll, ärztlich zu klären, was zuerst da war. Mehr zur Erektion lesen Sie unter wenn die Erektion nachlässt.

Körperliche Ursachen ärztlich abklären

Ist der frühe Samenerguss neu, kommt er zusammen mit Schmerzen, Entzündungen oder Erektionsproblemen, gehen Sie bitte in eine hausärztliche oder urologische Praxis. Dort lässt sich prüfen, ob eine körperliche Ursache beteiligt ist.

Im Internet werden Sprays, Cremes und Tabletten angeboten. Ob ein Medikament für Sie infrage kommt, ist eine ärztliche Frage. Ich empfehle keine Präparate. Und auch wer Medikamente nimmt, kann trotzdem neugierig sein, wie seine Erregung funktioniert.

Hände ziehen auf der Bettkante Socken an, daneben liegt ein aufgeschlagenes Buch.

Wahrnehmen statt kontrollieren

Der häufigste Versuch ist Kontrolle: zusammenreißen, an etwas anderes denken, den Atem anhalten. Das Problem dabei ist, dass Sie Ihre Erregung so kaum noch spüren. Und was man nicht spürt, kann man auch nicht beeinflussen.

Im Sexocorporel, einem körperorientierten Ansatz der klinischen Sexologie, geht es deshalb zuerst ums Wahrnehmen. Der Ansatz geht davon aus, dass sich Erregung über Atmung, Muskelspannung und Bewegung beeinflussen lässt. Wer tiefer atmet, die Muskeln lockerer lässt und das Becken bewegt, verteilt die Erregung nach diesem Verständnis im Körper. Wer anspannt und stillhält, bündelt sie im Penis.

Die eigene Erregungskurve kennenlernen

Ein guter Ort zum Beobachten ist die Selbstbefriedigung. Ohne Gegenüber und ohne Erwartung lässt sich wahrnehmen, wie die Erregung ansteigt. Wo im Körper spüren Sie sie? Wann wird sie so stark, dass der Samenerguss nicht mehr aufzuhalten ist? Diesen Moment nennt man den Point of no Return.

Bei der Start-Stopp-Methode unterbrechen Sie die Stimulation kurz vor diesem Punkt, warten, bis die Erregung etwas sinkt, und machen dann weiter. Wichtiger als die Technik ist, was Sie dabei bemerken: Was passiert mit Atem und Muskeln, kurz bevor es kippt? Was verändert sich, wenn Sie langsamer werden, statt aufzuhören?

Was Ablenken, Kondome und Zusammenreißen bewirken

Viele Männer, die zu mir kommen, haben schon einiges versucht. An die Steuererklärung denken. Zwei Kondome übereinander. Vorher Selbstbefriedigung, damit es beim zweiten Mal länger geht. Manches davon schafft kurzfristig ein paar Sekunden. Es führt aber weg vom Spüren, und es macht aus Sex ein Projekt, bei dem man vor allem auf sich selbst aufpasst. Für die Lust ist das selten gut, für die eigene wie für die der anderen Person.

Gemeinsam damit umgehen

Wenn Sie beide aufhören, die Minuten zu zählen, verändert sich der Druck. Sex ist mehr als Penetration. Wer gemeinsam Lust erlebt, mit Händen, Mund, Berührung, ist nicht darauf angewiesen, dass das Eindringen lange dauert. Für viele Paare nimmt das viel Last weg. Mehr dazu unter langsamer Sex.

Sprechen Sie es an, außerhalb des Betts und ohne Vorwurf. Für die Person, die zu früh kommt, kann ein Satz helfen wie: „Ich schäme mich dafür und ziehe mich deshalb oft zurück. Das hat nichts mit dir zu tun.“ Für den Partner oder die Partnerin: „Mir ist nicht wichtig, wie lange es dauert. Mir ist wichtig, dass du da bist.“ Wie Sie dabei mit der Scham umgehen, lesen Sie unter es ansprechen.

Der Partner oder die Partnerin muss das Thema nicht übernehmen. Es hilft niemandem, wenn eine Person ständig aufpasst, bremst oder tröstet. Jede Person ist für die eigene Erregung verantwortlich. Gemeinsam lässt sich aber eine Sexualität finden, bei der beide weniger beweisen müssen.

Was in der Sexualtherapie passiert

In einer Sexualtherapie schauen wir genau hin, wie Ihre Erregung verläuft. Wie atmen Sie, wenn es spannend wird? Wo spannen Sie an? Was geht Ihnen durch den Kopf? Wir arbeiten körperorientiert mit Atmung, Bewegung und Wahrnehmung. In der Sexualtherapie berühre ich Sie nicht, die Kleidung bleibt an. Wer mag, bekommt Übungen für zu Hause. Mehr zur Arbeit mit dem Körper lesen Sie unter Körpertherapie.

Dazu kommen Fragen, die über den Körper hinausgehen: Was bedeutet es für Sie, „zu früh“ zu kommen? Welche Bilder von Männlichkeit und gutem Sex haben Sie im Kopf? Wie geht es Ihnen in der Beziehung? Sie können allein kommen oder als Paar. Mehr zum Angebot finden Sie unter Sexualtherapie bei vorzeitigem Samenerguss.

Der nächste Schritt

Ich arbeite in Neukölln, in Prenzlauer Berg und online. Wenn Ihnen das Thema auf Englisch leichter fällt, sprechen wir Englisch. Die Kosten tragen Sie in der Regel selbst. Schreiben Sie mir zwei, drei Sätze, mehr braucht es für den Anfang nicht.

Sex ohne innere Stoppuhr.

Schreiben Sie mir für ein Erstgespräch, allein oder als Paar. Ich antworte mit einem Terminvorschlag.

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Quellen

Porträt Wiebke Bergermann
Geschrieben vonWiebke Bergermann

Heilpraktikerin für Psychotherapie, Sexual-, Paar- und Körpertherapeutin. Praxen in Prenzlauer Berg und Neukölln, Sitzungen auch online.

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