Der weibliche Orgasmus beim Sex hängt stark davon ab, wie eine Frau stimuliert wird – nicht davon, ob „alles richtig läuft“. Das zeigt eine sexualwissenschaftliche Studie des Universitätsklinikums Jena (Hoy, Villwock, Strauß und Brenk-Franz, Zeitschrift für Sexualforschung, 2021). Wenn Sie selten oder nie kommen, hat das meist nichts mit „Nicht-Können“ oder fehlender Lust zu tun.
„Warum komme ich beim Sex nicht – oder nicht regelmäßig?“ Viele Frauen stellen sich diese Frage still für sich, oft mit Selbstzweifeln und manchmal mit Scham.
Wie oft der weibliche Orgasmus beim Sex kommt
Lange wurde der weibliche Orgasmus sehr eindimensional betrachtet: Kommt er beim Geschlechtsverkehr vor, ja oder nein? Die Forschung zeichnet ein genaueres Bild:
- Nur etwa ein Drittel der Frauen erlebt regelmäßig Orgasmen allein durch vaginale Penetration.
- Deutlich häufiger kommt es zum Orgasmus, wenn die Klitoris direkt einbezogen wird.
- Bei der Selbstbefriedigung erleben die meisten Frauen sehr zuverlässig Orgasmen.
Das ist kein Zufall, sondern anatomisch gut erklärbar. Die Klitoris ist das zentrale Lustorgan. Sie ist dicht mit Nervenenden besetzt und für die meisten Frauen der direkteste Weg zum Orgasmus.
Wenn Sie beim reinen Penetrationssex selten oder nie kommen, geht es vielen Frauen genauso. Das ist normal.
Klitoraler Orgasmus: Die Klitoris ist kein „Extra“
Laut der Studie treten Orgasmen am häufigsten auf bei
- direkter Stimulation der Klitoris,
- Oralsex,
- Stimulation mit der Hand durch den Partner oder die Partnerin,
- Selbststimulation während des Sex.
Auffällig ist: Viele Frauen erleben über bestimmte Arten der Stimulation entweder sehr regelmäßig oder fast nie einen Orgasmus. Ein „Mittelfeld“ gibt es kaum. Das spricht dafür, dass jede Frau ihre eigenen Wege zur Lust hat. Die lassen sich entdecken, und sie dürfen sich im Lauf des Lebens verändern.
Warum der „vaginale Orgasmus“ so aufgeladen ist
Ein Ergebnis überrascht: Orgasmen durch vaginale Penetration sind stärker mit Zufriedenheit verknüpft als andere Orgasmen, obwohl sie seltener vorkommen.
Das hat mit gesellschaftlichen Sexualmythen zu tun („So sollte Sex sein“). Filme und Medien tragen sie weiter, ebenso alte psychoanalytische Vorstellungen. Dahinter steht eine unausgesprochene Norm: „Beim Geschlechtsverkehr sollte es von selbst passieren.“
Viele Frauen erzählen mir: „Als ich hörte, dass es vielen Frauen so geht, war ich erleichtert – und habe mich trotzdem irgendwie unnormal gefühlt.“
Was belastet, ist dann weniger der fehlende Orgasmus als der Vergleich mit unrealistischen Erwartungen.

Selbststimulation beim Sex: im Kopf okay, in der Praxis gehemmt
Noch ein Ergebnis der Studie:
- Die meisten Frauen finden es eigentlich sinnvoll und völlig in Ordnung, sich beim Sex selbst an der Klitoris zu stimulieren.
- Trotzdem tut mehr als ein Drittel das nie.
Warum dieser Widerspruch?
- Scham oder Unsicherheit („Darf ich das?“)
- die Sorge, egoistisch zu wirken
- Leistungsdruck („Ich sollte doch auch so kommen“)
- wenig Vertrauen darauf, selbst etwas für die eigene Lust tun zu können
Selbst Frauen mit hohem Bildungsniveau und einem offenen Zugang zu Sexualität berichten von solchen inneren Hemmungen.
Zu wissen, dass es in Ordnung ist, reicht also nicht. Es braucht auch das Gefühl, es sich beim Sex wirklich erlauben zu dürfen, und ein Gegenüber, mit dem Sie darüber reden können.
Genuss statt Zielorientierung
Die Studie macht noch etwas deutlich: Sexuelle Zufriedenheit hängt stärker mit Genuss, Verbundenheit und Akzeptanz zusammen als mit der Häufigkeit von Orgasmen.
Frauen, die ihren Körper gut wahrnehmen, Fantasien zulassen, verschiedene Berührungen erkunden und weniger Leistungsdruck empfinden, berichten von höherer sexueller Zufriedenheit und mehr emotionaler Nähe. Auch in langen Beziehungen bleibt ihre Lust stabiler.
Der Orgasmus darf ein Highlight sein – aber kein Prüfstein für guten Sex.
Was das für die Sexualtherapie bedeutet
Für viele Frauen sind diese Ergebnisse eine Entlastung. In den Sitzungen verschiebt sich die Frage: weg von „Was stimmt nicht mit mir?“, hin zu „Was brauche ich – und wie kann ich es mir erlauben?“
In einer Sexualtherapie geht es deshalb oft erst einmal um Wissen über weibliche Sexualität und um die Mythen, die Druck machen. Wir schauen, welche Wege zur Lust Sie schon kennen und welche Sie ausprobieren möchten. Und es geht darum, wie Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin darüber sprechen. Mehr Anstrengung ist dabei selten die Antwort.
Wenn Sie sich wiedererkennen
Wenn Sie mögen, probieren Sie beim nächsten Sex aus, sich selbst an der Klitoris zu berühren, oder sagen Sie vorher, welche Berührung Sie sich wünschen. Möchten Sie darüber lieber erst mit jemandem sprechen, können Sie zu einer Einzelsitzung kommen oder gemeinsam mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin.
Wenn Sie sich selbst unter Druck setzen zu kommen, finden Sie Übungen im Artikel Ich mache mir Druck, zum Orgasmus zu kommen. Wie Ihr Gegenüber Sie durch die Phasen der Erregung begleiten kann, beschreibe ich in einem eigenen Artikel.
Ihre Lust, Ihr Tempo.
Sie möchten Ihren Körper und Ihre Lust ohne Leistungsdruck kennenlernen? Schreiben Sie mir für ein Erstgespräch.
Quellen
- Hoy, Villwock, Strauß und Brenk-Franz (2021), Universitätsklinikum Jena. Zeitschrift für Sexualforschung. Studie bei Thieme Connect (PDF)

